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Für einen friedlichen Umgang mit sich und der Welt

Das MU Zentrum der Lebendigkeit als Entwicklungsraum für Frieden und Teil der Friedensbewegung.
Frieden erfahren, nicht nur fordern, indem wir Räume schaffen, in denen Menschen spüren können: Ich habe eine Wahl – immer wieder.

Für einen friedlichen Umgang mit sich und der Welt

31.7.26, 00:00

Das MU Zentrum der Lebendigkeit versteht sich als Teil einer inneren und äußeren Friedensbewegung. Nicht als politische Bewegung gegen irgendjemanden und auch nicht als Ort, an dem die Welt in „Gut“ und „Böse“ geteilt wird, sondern als ein Raum, in dem wir erforschen, was es bedeutet, Frieden zu leben.

Frieden beginnt für uns nicht erst zwischen Staaten. Er beginnt zwischen Menschen und in jedem einzelnen Menschen – und vielleicht sogar noch früher: in jenem kleinen, oft kaum wahrnehmbaren Moment zwischen dem, was geschieht, und dem, was wir daraus machen.

Viktor Frankl wird ein Satz zugeschrieben, den ich immer wieder als sehr hilfreich empfunden habe: „Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unser Wachstum und unsere Freiheit.“ (Hinweis: Laut dem Viktor Frankl Institut stammt dieser Wortlaut nicht direkt aus Viktor Frankls Büchern, er fasst seine Gedanken zur inneren Freiheit aber treffend zusammen.)

Gerade dieser Raum interessiert mich. Denn natürlich gibt es Situationen, in denen wir verletzt, bedroht oder wütend werden und unmittelbar reagieren möchten. Wir können uns zurückziehen, angreifen oder zurückschlagen – aber wir können, wenn wir achtsam genug sind, auch wahrnehmen, was gerade in uns geschieht, und uns fragen, ob wir dieser ersten Reaktion tatsächlich folgen wollen. Und manchmal kann dies unbewusst im Bruchteil einer Sekunde geschehen. Für mich liegt genau darin ein wesentlicher Teil von Entwicklung und auch eine wesentliche Voraussetzung für Frieden.

Dabei bedeutet Frieden keineswegs, Konflikte zu vermeiden, alles hinzunehmen oder keine Grenzen zu setzen. Im Gegenteil: Wir dürfen Nein sagen, wir dürfen uns schützen und wir dürfen Ungerechtigkeit klar benennen. Aber vielleicht können wir dabei versuchen, die Verbindung zum anderen nicht vollständig aufzugeben. Zurückhauen ist hier wohl die ungünstigste Antwort, die uns zur Verfügung steht.

"Eine Faust ist keine helfende Hand" – dieser einfache Satz, der auch Thema eines MU-Workshops war, ist für mich zu einem starken Bild geworden. Er erinnert daran, dass wir uns in jedem Augenblick auch anders begegnen können: mit Härte oder mit Offenheit, aus Angst oder aus Vertrauen, im Kampf gegeneinander oder in dem Versuch, miteinander in Beziehung zu bleiben.

Das ist keine Aufforderung zu aufgesetztem „Friede, Freude, Eierkuchen“. Es geht vielmehr um die Fähigkeit, die eigene Reaktion wahrzunehmen und dadurch Handlungsspielraum zu gewinnen. Vielleicht ist das eine der wichtigsten Formen von Selbstwirksamkeit: nicht alles kontrollieren zu können, was uns begegnet, aber unseren Umgang damit immer wieder neu zu erforschen.

Deshalb spielen Selbsterfahrung, Achtsamkeit und Spürbewusstsein im MU eine so wichtige Rolle. Frieden ist für uns nicht in erster Linie ein Gedanke oder eine politische Forderung, sondern etwas, das wir auch körperlich erfahren können: als Sicherheit, Zugehörigkeit, Vertrauen, Berührung und Lebendigkeit, als das klare Gefühl, hier sein zu dürfen und mit dem, was gerade in mir geschieht, nicht falsch zu sein.

Meditation, Tanz, Musik, Körperarbeit und gemeinsames Erleben können solche Erfahrungsräume öffnen. Nicht, weil wir dort einen perfekten Zustand erreichen würden, sondern weil wir lernen können, uns selbst, die anderen und den Raum zwischen uns genauer wahrzunehmen. Gerade darin liegt für mich der Wert eines Entwicklungsraumes: Er muss nicht fertig sein. Auch das MU ist kein Ort, an dem Frieden einfach hergestellt wäre. Natürlich gibt es auch hier unterschiedliche Meinungen, Spannungen, Missverständnisse und Konflikte. Entscheidend ist vielmehr, wie wir damit umgehen und ob wir bereit sind, immer wieder neu hinzusehen: Was geschieht gerade in mir? Was geschieht zwischen uns? Was macht mir Angst, und was macht diese Angst mit mir? Wo gehe ich in Abwehr – und wo könnte es eine andere Möglichkeit geben?

Diese Haltung kennen wir aus dem Zen-Buddhismus und auch aus der Permakultur: nicht alles sofort verändern zu müssen, sondern zunächst wahrzunehmen, was ist, und aus dieser Wahrnehmung heraus eine andere Möglichkeit entstehen zu lassen. Ein Weisheitsgedanke, der sich mit der Zen-Tradition verbindet, bringt es für mich schön auf den Punkt: Frieden ist nicht das Ende des Weges, sondern die Art und Weise, wie wir gehen.

Das bedeutet auch, dass Frieden für mich nichts ist, was man einmal erreicht und dann besitzt. Frieden bleibt eine Praxis, eine immer wieder neue Aufmerksamkeit. Manchmal besteht diese Übung darin, einen Impuls nicht sofort in Handlung umzusetzen; manchmal darin, eine Grenze klar auszusprechen, ohne den anderen abzuwerten; manchmal darin, zuzuhören, obwohl wir lieber antworten würden. Und manchmal vielleicht einfach darin, den anderen trotz aller Verschiedenheit weiterhin als Menschen wahrzunehmen, mit dem uns mehr verbindet, als wir im Augenblick sehen können.

Hier berührt sich unsere Haltung mit dem Gedanken der Menschheitsfamilie, der mir persönlich sehr wichtig ist. Wir leben in unterschiedlichen Ländern und Kulturen, haben unterschiedliche Geschichten, Überzeugungen und Weltbilder und werden vermutlich in vielem niemals einer Meinung sein. Aber wir teilen als Menschen auch etwas Grundlegendes: Wir kennen Angst und Freude, Verletzlichkeit und Hoffnung, wir möchten gesehen werden, wir brauchen Zugehörigkeit und suchen nach einem guten Leben. Die Vorstellung einer Menschheitsfamilie bedeutet für mich deshalb nicht, dass wir alle gleich sein müssten, sondern dass Verschiedenheit kein Grund sein darf, einander die Würde oder Menschlichkeit abzusprechen.

Vielleicht können uns dabei Menschen wie Bertha von Suttner, Mahatma Gandhi oder Martin Luther King bis heute inspirieren. Sie haben auf sehr unterschiedliche Weise gezeigt, dass Gewaltfreiheit nicht mit Passivität gleichzusetzen ist, sondern eine aktive Haltung sein kann. Bertha von Suttners „Die Waffen nieder!“ ist dabei ebenso eindringlich wie Gandhis und Kings Beharren darauf, dass Widerstand nicht zwangsläufig mit Gewalt beantwortet werden muss. Und auch Hannah Arendts Denken über Verschiedenheit, Freiheit und gemeinsames Handeln erinnert daran, dass eine menschliche Gesellschaft nicht davon lebt, dass alle gleich denken, sondern davon, dass wir trotz unserer Unterschiede miteinander in Beziehung und im Gespräch bleiben.

Ich persönlich trage seit vielen Jahren einen Satz mit mir, der mir immer wieder Hoffnung gibt: „Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin.“ Häufig wird er Bertolt Brecht zugeschrieben; tatsächlich geht das bekannte Zitat auf den amerikanischen Dichter Carl Sandburg zurück und wurde später zu einer wichtigen Zeile der Friedensbewegung.

Was mich daran berührt, ist die Sehnsucht, die in diesem Satz liegt: die Sehnsucht nach einer Welt, in der Menschen nicht automatisch jeder Aufforderung zum Kampf folgen, in der Angst nicht zwangsläufig in Feindschaft verwandelt wird und in der wir als Einzelne wie auch als Gesellschaft immer mehr die Fähigkeit entwickeln, innezuhalten und selbst zu entscheiden, welchem Impuls wir folgen wollen.

Vielleicht beginnt diese Sehnsucht nicht erst irgendwo weit draußen in der Welt, sondern in unseren alltäglichen Begegnungen: wenn wir verletzt sind und nicht sofort zurückschlagen, wenn wir unsicher sind und trotzdem offen bleiben, wenn wir anderer Meinung sind und den anderen nicht zum Feind machen. Wenn wir wahrnehmen, was in uns geschieht, gewinnen wir vielleicht einen kleinen Raum, in dem eine andere Antwort möglich wird.

Für mich liegt darin auch die tiefste Verbindung zwischen dem Namen des MU und seiner Haltung: Lebendigkeit selbst kann ein Akt des Friedens sein. Denn wo Menschen wieder spüren lernen, was in ihnen geschieht, entsteht die Möglichkeit, bewusster mit sich selbst und miteinander umzugehen. Wo Sicherheit und Zugehörigkeit erfahren werden, muss weniger aus Angst heraus gekämpft werden. Wo wir uns selbst wahrnehmen, können wir auch den anderen genauer wahrnehmen. Und wo wir unsere eigenen Impulse nicht automatisch in Handlung umsetzen, entsteht Freiheit – und mit ihr die Möglichkeit zur Wahl.

Das MU möchte dafür Räume schaffen. Nicht perfekte Räume und schon gar nicht Räume, in denen Frieden als fertiger Zustand verkündet wird, sondern Entwicklungsräume, in denen wir uns selbst und einander immer wieder neu erfahren können. Räume, in denen Lebendigkeit nicht gegen Frieden steht, sondern für Frieden und zu einem Weg werden kann, ihn zu erfahren und weiterzugeben.

Vielleicht ist das am Ende eine sehr einfache Vorstellung: Frieden beginnt dort, wo wir unsere Wahlmöglichkeit wahrnehmen. Und er wächst dort, wo wir diese Möglichkeit immer wieder nutzen – in uns selbst, in unseren Beziehungen und schließlich auch in der Gesellschaft, in der wir leben.

Das ist die Art von Friedensbewegung, als deren Teil wir uns im MU verstehen: nicht nur über Frieden zu sprechen, sondern ihn im eigenen Leben erfahrbar zu machen, um ihn in die Welt tragen zu können.

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